30. Januar 2015 / Marc Küstermann

Content Management Systeme im Praxistest: Adobe muse VS Webydo VS rukzuk

im Praxistest

Websites erstellen, ganz ohne Programmier-Vorkenntnisse – das versprechen Anbieter wie Adobe, Webydo und rukzuk. Doch was steckt dahinter? Können uns diese Tools die Arbeit erleichtern? Sind sie echte Hilfsmittel, oder für den professionellen Einsatz ungeeignet? Wir waren neugierig und haben den Praxistest gemacht.


Test 1: Adobe muse
Unser erster Eindruck: Wer sich in Photoshop, InDesign und Co. zu Hause fühlt, dem wird das Zurechtfinden in Adobe muse keine Schwierigkeiten bereiten. Die gesamte Benutzeroberfläche ist in gewohnter Adobe Manier gehalten. So trifft man schnell alte Bekannte, wie die Menü-Fenster: „Ebenen“, „Konturen“ oder „Farben“. Problemlos lassen sich erste Formen aufziehen, Texte erstellen und positionieren. Positiv zu bewerten ist außerdem die Möglichkeit, die erzeugten HTML- und CSS-Dateien sowie die Skripte direkt herunterladen zu können.

Doch eine Website ist mehr als ein Design-Grundgerüst. Sie erfordert Funktionen, die sie zu einem Erlebnis machen und für die nötige Usability sorgen. Und hier stößt Adobe muse an seine Grenzen. Ohne Kenntnisse über „webgeläufige“ Bezeichnungen wie „rollover“, „activ“, „min-height“ hat man es als Anwender schwer und muss sich über Hilfeseiten und Tutorials mühsam Rat einholen. Zwar bietet die große Adobe Community für nahezu jede Problemstellung eine passende Lösung, der damit verbundene Zeitaufwand ist aber beträchtlich.

Ähnlich kompliziert hält es Adobe muse bei der Anpassung der erstellten Website auf die mobilen Endgeräte. So kommt der Anwender nicht darum herum 3 Layouts anzulegen – jeweils eines für Smartphone, Tablet und Desktop. Ruft der User später die Website auf, wird er, in Abhängigkeit seines genutzten Endgerätes, zum entsprechenden Design umgeleitet. Aber was geschieht, wenn Endgeräte vom User-agent gar nicht erkannt werden? Und wie soll sich jemand, der bislang nur Erfahrung in der Gestaltung von Websites gesammelt hat, mit Themen wie User-agents auskennen? Warum werden Media Queries nicht verwendet? Warum wird den Benutzern nicht die Möglichkeit geboten, Größen in dynamischen Werten anzugeben, damit sich die Seite an das Format des entsprechenden Geräts anpasst? Fragen, denen sich auch Adobe in naher Zukunft stellen sollte.

 

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Test 2: Webydo
Webydo wurde 2010 gegründet, ist also noch relativ jung. Umso beeindruckender, dass sich das mittlerweile sehr erfolgreiche Unternehmen bereits eine derart große Anhängerschaft aufgebaut hat.

Webydo wird, anders als Adobe Muse, über den Browser ausgeführt. Das führt je nach Browser und Systemkonfiguration zu gelegentlichen „Rucklern“. Ärgerlich, da man dadurch des öfteren gezwungen ist Arbeitsschritte zu wiederholen. Schiefgehen kann hier nichts – Webydo speichert das Projekt automatisch nach jeder Aktion. Zieht man den Vergleich zu Programmen, die vom System ausgeführt werden, hat man dennoch immer den Eindruck, dass die Arbeitsgeschwindigkeit eingeschränkt ist.

Die Anwendung wirbt mit ihrer einfachen Bedienung und damit, dass Jedermann ohne Programmierkenntnisse Websites erstellen kann. Tatsächlich findet man sich bei Webdyo schnell zurecht. Alles was man benötigt ist griffbereit. Kinderleicht lassen sich Raster anlegen. Über einfache Check-Buttons werden Elemente auf die volle Breite oder Höhe einer Seite gebracht, während Objekte auf einfache Weise eingefügt und mit der Maus, nach Wunsch positioniert werden.

Die Benutzeroberfläche ist in drei Abschnitte gegliedert zwischen denen der Anwender leicht hin- und her navigieren kann. So hat man alle gestaltungsspezifischen Themen direkt unter Design abgehandelt. Im Bereich Content ändert und formatiert man Texte und unter Preview erhält man eine Vorschau auf seine angelegte Website.

Ein wirklich dicker Pluspunkt ist der unschlagbare Support. Webydo bietet seinen Kunden einen „rund um die Uhr“ Support-Chat-Service an, für den man nicht einmal die Arbeitsoberfläche verlassen muss. Wir haben keine 5 Minuten auf die Antwort auf unsere Frage gewartet. Das erspart die zeitaufwändige Fehlersuche bzw. das Anschauen von Video-Tutorials.

Außerdem verfügt Webydo über ein integriertes CMS. Elemente können somit beim Erstellen für das CMS aktiviert oder deaktiviert werden. Dadurch ist sichergestellt, dass Redakteure auf Kundenseite lediglich jene Elemente überarbeiten, die sie tatsächlich überarbeiten möchten.

Anders als bei Adobe muse funktionieren die gesetzten Break-Points – also die Punkte, an denen die Inhalte auf eine andere Ansicht umspringen – sehr gut. Zudem wird man nicht auf eine individuelle URL für mobile Endgeräte umgeleitet. Die Möglichkeit eine responsive-navigation einzufügen, eine Navigation die sich beim Klicken ausklappt, bietet Webdyo aktuell noch nicht. Dieses Feature ist aber in Planung.

Bei allen positiven Aspekten die Webydo bietet, erfordert die Anwendung ebenfalls ein Grundverständnis dafür, wie eine Website aufgebaut und „gestyled“ wird. Nur so, lässt sich die Anwendung effizient bedienen. Hinzu kommt, dass Webydo nicht ganz reibungslos läuft. Immer wieder stößt man auf kleinere Probleme mit dem responsive Verhalten der Websites.

 

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Test 3: rukzuk
rukzuk ist seit etwa 6 Monaten auf dem Markt und damit die jüngste unserer Testanwendungen. Das stellt sich jedoch keineswegs als Nachteil heraus. rukzuk hat wirklich einiges zu bieten und ist bspw. in Bezug auf den generierten Quellcode die ausgereifteste Anwendung. Die Benutzeroberfläche ist schlicht gehalten und offenbart nur das Nötigste. Dieser Minimalismus wirkt sich durchaus positiv auf die sonst recht komplexe Anwendung aus.

Was uns gleich zu Beginn auffiel: Um Objekte zu platzieren, werden diese nicht einfach verschoben – vielmehr weist man ihnen bestimmte Eigenschaften, wie „Höhe“, „Breite“, „Außenabstand“ zu. Damit bewegt man sich sehr nahe an der grundlegenden Arbeitsweise eines Programmierers. In jedes angelegte Objekt lassen sich weitere Inhalte (bspw. Texte) platzieren. Das kommt dem erzeugten Quellcode zugute, der so nicht in ein Tohuwabohu aus freiplatzierten Elementen mündet.

Alle gängigen Styles, die auch sonst bei Website-Programmierungen zum Einsatz kommen, sind auch in rukzuk verfügbar. Größenangaben lassen sich in Prozent und Schriftgrößen im Verhältnis zur verwendeten Auflösung angeben und ermöglichen ein responsive Verhalten der Website.

Die erzeugten Elemente und Styles werden strukturiert und übersichtlich dargestellt. Das erleichtert das Arbeiten speziell bei einem hohen Inhaltsvolumen.

Wie Webydo, verfügt auch rukzuk über ein integriertes CMS.

Leider lässt sich die Oberfläche nicht wirklich intuitiv bedienen. Ohne Einführungsvideos steht man anfangs vor großen Problemen was die Handhabung der Selektoren und Styles betrifft. Zwar erklären die abrufbaren rukzuk-Tutorials das Vorgehen schnell und einfach – dennoch erfordert rukzuk, noch mehr als die beiden anderen Anwendungen, ein erhöhtes Verständnis für Webdesign und alles was dazu gehört.

 

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Fazit
Momentan ist die Budget-Aufteilung bei Webprojekten meist unausgewogen. So liegt der Aufwand für das Design/Konzept im Schnitt bei etwa 30%, während die technische Umsetzung im Schnitt 70% in Anspruch nimmt. Dieses Ungleichgewicht könnten Anwendungen, wie die hier getesteten, in Zukunft ausgleichen. Designer hätten so die Möglichkeit eine größere Vorarbeit zu leisten und dem Programmierer bliebe ein größeres Zeitfenster für die Umsetzung komplexer Funktionen.

Wie sich die Anwendungen tatsächlich entwickeln bleibt abzuwarten. Die Technik dahinter ist schon sehr weit entwickelt und bewegt sich mit Riesenschritten voran. Wer sich dieser Technologie komplett verschließt, verschenkt aus unserer Sicht großes Potenzial. Die ausgeklügelten Frameworks bieten alle Voraussetzungen, um bei einem durchdachten Einsatz, den Arbeitsaufwand eines Webprojekt um ein erhebliches Maß zu reduzieren.

Dabei sind die Anwendungen nicht als Alternative zu den bekannten Baukasten-Systemen der Hosting-Anbieter zu verstehen, sondern sind vielmehr für die professionelle Anwendung gedacht. Wir werden also auch in Zukunft nicht gänzlich auf den Einsatz von Programmierern verzichten können. Und das ist auch gut so. Am meisten überzeugt hat uns definitiv rukzuk. Wir werden die Entwicklung gespannt weiterverfolgen.

 

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